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Subject: Die falsche Strategie des MB
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Norddoc
Posts:1

02-07-2006 08:24 PM Alert 

Seit den 90er Jahren jammern die Klinikarbeitgeber über das „zu enge Korsett“ des BAT und wollten einen ganz neuen Tarif – den großen Absenkungstarif. Auf dieses „Angebot“ namens TVÖD ist „der billige Jakob“ (O-Ton Montgomery) Bsirkse 2005 dann eingestiegen. Der MB zog in letzter Minute die Notbremse und beanspruchte die Fortdauer des BAT. „120.000 Euro“, rechnete der MB den Ärzten vor, würden sie dank TVÖD sonst innerhalb 20 Jahren weniger verdienen plus weitere 20.000 minus je Kind. Klar, dass da schlagartig riesige Mitgliedszuwächse beim MB zu verzeichnen waren.

 

Doch dann kam die falsche Strategie. Statt ruhig die Kosten eines Streiks zu überschlagen, statt vorauszusehen, dass man von Parteifreunden, von „den Ländern“, von harten/ausgebufften Verhandlungsprofis wie Möllring und Bölke „weichgekocht“ werden würde, und sein Heil lieber auf die erfolgversprechende Durchsetzung des BAT vor Gericht (erste positive Zeichen der Gerichte gab es ja schon), hat man den BAT plump gekündigt:

http://www.marburger-bund.de/marburgerbund/bundesverband/mb-zeitung/mbz2005/ausgabe18-05/18_01_titel.php

Schlimmer noch, man hat völlig falsche Zeichen gesetzt, „30% mehr“ wollte man haben, statt bescheiden, aber äußerst konsequent nur auf der Basis der letzten BAT-Tarifeinigung 2003 (damals noch mit Weihnachts-/Urlaubsgeld und 38,5h/Woche) eine bescheidene Steigerung von 5% Inflationsanpassung auf den BAT2003 zu fordern. Das hätte gleichzeitig noch Verhandlungsspielraum für andere wichtige Punkte geboten wie:

  • kompromisslose Umsetzung des EuGH-Urteils (max 48h/Woche etc.)
  • volle Bezahlung der Bereitschaftsdienste, zwingend elektr. Zeiterfassung
  • Bezahlung des PJ wie früher bei den Medizinalassistenten auch
  • Verträge über die volle WB-Zeit
  • kein ZuSi etc.

 

Doch der MB wollte und will nur eines: krampfhaft einen eigenen Tarifvertrag, auch auf Kosten der Solidarität (Landesklinika, (Drittmittel-)Ärzte in Forschung, die nebenbei ja oft auch noch Routine mitmachen, Kollegen im Osten, die auf 88% zurückgeworfen werden, verdi usw.). Mit dem eigenen TV-Ä erhofft man sich wohl eine dauerhafte Mitglieder(beitrags)bindung, aber hat faktisch allen Kollegen längerfristige Gehaltseinbußen beschert. Jetzt sind wir durch den TV-Ä stundenlohnmässig wieder auf BAT2001-Niveau zurückgefallen und die Kollegen im Osten dürften gar mit dem vom MB so verschmähten TVÖD noch besser fahren, wer´s nicht glaubt, lese hier:

http://www.familienpolitik.net/Arztestreik/arztestreik.html

süddoc (Gast)

03-07-2006 03:45 PM Alert 
Lieber Kollege,

ich teile ihre Meinung nicht und wundere mich über die angegeben Zahlen von BAT und TVöD.

Im BAT gings ja übrigens erst NACH dem AiP los und der Startpunkt war IIb, was unter http://paul.schubbi.org/bat/ mit 37.835,- € Jahresgehalt beziffert wir.

Jetzt bekommt ein Berufsanfänger 3.600,-/Monat also 43.200,- im Jahr, wenn ich richtig rechne. Das scheint mir doch etwas mehr zu sein, oder? Im TVÖD fängt das Gehalt mit knapp 3000,-/Monat an, bin mir allerdings nicht über die Entgeltgruppe sicher (13 oder 14?). Über 40.000,- geht das Jahrersgehalt meiner Meinung nach sicher nicht.

Das BAT berücksichtigte zusätzlich auch die Kinderzahl. Theoretisch hätte natürlich ein verheirateter 28jähriger Berufsanfänger mit 7 Kinder bis zu 47.358,- € verdient ;-).

Anhand der Kinderzahl kann ich also jeden TVÖD, TDL und MB-Tarif  "schlecht" rechnen. Aber ein(e) Ingenieur(in) bei BMW oder in anderen Wirtschaftsbereichen bekommt auch nicht mehr Gehalt, wenn sie/er 7 Kinder in die Welt setzt. Ich denke, auch wenn sich das der nette Herr bei familienpolitik.net wünscht, Familienförderung ist nicht unbedingt eine Aufgabe für den Arbeitgeber.

Viel Spaß beim Rumrechnen

süddoc

Norddoc (Gast)

03-07-2006 04:53 PM Alert 
Hallo Herr Kollege,
auch ohne Rechnerei muss ich SIe um ein paar Korrekturen bitten:'

1. Das Einstiegsgehalt als Assistenzarzt war bei den Laendern BAT IIa nicht IIb wie Sie meinten.
Ihr Schubbi BAT-Rechner spukt fuer einen 28-Jaehrigen (=durchschnittl. Einstiegsalter), ledig, ohne Kinder dafuer schon rund 40.000 Jahresgehalt aus. Ist der Einsteiger 29 und verheiratet, so gibt es beim BAT laut Ihrem Link schon nahezu gleichen Lohn wie beim TV-Æ. Der grosse Unterschied: Der MB-Tarif gilt fuer 42 Wochenstunden, BAT fuer 38,5. also klar, wer da den hoeheren Stundenlohn hat, oder? Wenn dann noch die ZuSi - Kuerzung kuenftig zuschlaegt, werden ausnahmslos alle Kollegen unter ihrem frueheren BAT-Gehalt landen.

2. Das Einstiegsgehalt beim TVØD ist fuer Aerzte bei EG14 Stufe 1 festgesetzt, d.h. im Westen 3060,- Euro. Hinzu kommen 60% Weihnachtsgeld, 1% - max. 8% Leistungspraemie und Einmalzahlungen (300,-) als Inflationsausgleich. Fuer aeltere Wechsler gibt es auch noch Strukturausgleichszahlungen und div. Zulagen. Auch mit dem TVØD sind so fuer Einsteiger - entgegen ihrer Ansicht - 40.000 møglich - bei immerhin 39 Wochenstunden.

3. Die Abschaffung des AiP hatte absolut nichts mit dem BAT zu tun, bitte bringen Sie da nichts durcheinander. Auch mit BAT haben frisch examinierte Kollegen kein AiP-Gehalt mehr bekommen, sondern BAT IIa.

4. Der Staat hat als Arbeitgeber auch Vorbildfunktion. Bei EU-Behørden werden Ærzten pro Kind fast 500 Euro monatlich und obendrein 5% Familiengehaltszuschlag bezahlt. Verbeamtete Ærzte bekommen fuer ihr drittes Kind satte 235 Euro monatlich. Schon von daher sind die 90 Euro, die es bisher laut BAT gab, auch weiter absolut vertretbar gewesen. Fuer Aerzte waeren sie es aber doppelt, weil hier oft unvorhergesehene Verlængerungen(Ueberstunden), Nacht- und Feiertagsdienste usw. anfallen, was die Kinderbetreuung im Vergleich zur Verwaltungsangestellten am Krankenhaus doch drastisch verteuert.

Es freut mich aber fuer den Marburger Bund, dass 86% seiner Mitglieder offenbar nicht rechnen kønnen. Jeder bekommt eben den Tarifvertrag, den er verdient. Ich habe mich aus dem BAT verabschiedet...

Gruesse,
Norddoc
südwestdoc (Gast)

03-07-2006 09:29 PM Alert 
Diese Gejammer geht mir wirklich auf den Wecker. Ein paar Euro beim Einstiegsgehalt ist die eine Sache (alle neuen Kollegen bei uns verdienen übrigens mit dem neuen Vertrag sehr viel mehr), eine andere ist die Steigerungsmöglichkeit. Was nützen mir denn hundert Euro mehr am Berufsanfang oder eine Bezahlung des PJ wenn sich das Gehalt dann bis zur Rente fast garnicht mehr erhöht? Das ist im neuen System nicht so. Ich bin mir sicher, dass 86% doch rechnen können...
Südwestdoc
Norddoc (Gast)

03-07-2006 10:32 PM Alert 
Gut, dann sind wir uns also einig, dass es für Berufseinsteiger auch weniger sein könnten. Aber die tollen Aufstiegschancen im MB-Tarif machen alles wett? Sorry, aber da haben Sie schon wieder nicht gerechnet:
Endgehalt eines (Dauer-)Assistenten im BAT viel höher dank automat. Aufstieg (nach 5 Jahren, unabhängig von FA-Prüfung: BAT Ib, nach 8 Jahren Facharzt unabhängig von Position: BAT Ia)+ alle 2 Jahre bis 47 mehr Geld, während dank TV-Ä/MB künftig viele OÄ für Facharztgehalt und viele Fachärzte für Assigehalt jobben werden.

Und noch ein Nachtrag zu den Kinderortszuschlägen: Man mag ja der Meinung sein, dass ein Arbeitgeber keine Sozialzuschläge zahlen sollte. Gut, aber das bisherige Gehaltsvolumen dafür muss dann wenigstens anderweitig auf die Ärzteschaft umverteilt werden. Verdi hat für die Abschaffung der Sozialzuschläge die Leistungsprämie (1-8%) für seine Angestellten herausgeholt. Der MB dagegen hat auf die künftigen Kinderortszuschläge seiner Ärzte ersatzlos verzichtet, ohne die dadurch künftig entstehenden / freiwerdenden Gehaltsvolumina wenigstens anderweitig auf die Ärzte umzuverteilen.

Wenn der MB wenigstens ehrlich sagen würde: sorry, mehr war nicht rauszuholen - ok. Aber jetzt noch die Stundenlohnkürzungen als "20% mehr" zu verkaufen ist Harakiri.

Trotzdem freundliche Grüße,
Norddoc

südwestdoc (Gast)

04-07-2006 03:22 PM Alert 
Altassistenten gibt es an Unikliniken bekanntlich nur wenige. Und Oberärzte verdienen mit dem neuen Vertrag wirklich sehr ordentlich.
Und Leistungsselemente gibt es in dem neuen Vertrag auch nicht wenige (Drittmittelzuschlag, vorzeitiger Aufstieg, bis 20% Lohnerhöhung zur Personalbindung). Für schon existierende Kinder wird der Zuschlag (übrigens 90 Euro vor Steuer, davon kann man noch nicht mal den Kindergarten zahlen) ja auch weitergezahlt.
Norddoc (Gast)

04-07-2006 06:37 PM Alert 
Warten wir mal ab, wer sich kuenftig gehaltstechnisch noch als OA wiederfindet...
Die bisherigen Ortszuschlaege f. Kinder wird es doch nur geben, solange der jeweilige Vertrag aus der BAT-Zeit noch weiterlaeuft. Neuer Vertrag oder gar neuer Arbeitgeber = Schluss mit der Zahlung, oder habe ich da was falsch verstanden?
Was die Leistungsanreize anbelangt: KANN-Leistungen gibt es schon ewig, auch im alten BAT (Ueberspringen bis zu 2er Altersstufen). Wie oft wurde davon Gebrauch gemacht? Ich kenne keinen. Und so wird es auch mit den KANN-Leistungen im neuen TV/MB sein. Einzig der TVöD sieht zwingend vor, dass diese Leistungspraemien ausbezahlt werden MUESSEN: 2007 werden es 1% sein, in den Folgejahren dann bis zu 8%.

Wir haben uns eine einmalige Selbstblamage geleistet:
Im Mai rechnet der Marburger Bund den kinderlosen Jungaerzten mal bei derselben(!) TV-Tarifstabelle 2-9% Gehaltsminus gegenueber dem BAT vor: http://www.marburger-bund.de/marburgerbund/bundesverband/unsere_themen/tarifpolitik/proteste/TdL-Mogelpackung.pdf und die Uniaerzte glauben es (zurecht!) und gehen brav streiken.
Im Juni wird dann dieselbe Tariftabelle akzeptiert und den Uniaerzten vom selben Marburger Bund erzaehlt: Ihr kriegt jetzt 15-20% mehr. http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=24568
"Der Vertrag sieht laut Marburger Bund unter anderem Gehaltssteigerungen zwischen 16 und 20 Prozent vor."
Die Uniaerzte glaubens wieder und stimmen brav fast einstimmig (zu 86%) dem Tarifwerk zu. Wahnsinn - kritisches Denken wird auch bei an Unikliniken offenbar allmaehlich Mangelware.
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